Das Milgram-Experiment: Eine schockierende Studie zu unserem Gehorsam gegenüber Autoritäten

Arzt als ClownStanley Milgram dachte sich in den 60er Jahren ein ethisch umstrittenes Experiment aus. Er wollte nachweisen, dass uns der Einfluss durch Autoritäten Dinge machen lässt, die wir alleine niemals getan hätten.

Das Experiment bestand darin, dass er Versuchsteilnehmer im Umkreis der Universität Yale in sein Labor einlud. Dort sollten die Teilnehmer anderen Personen einen Elektroschock verpassen, wenn diese bestimmte Fragen falsch beantworteten. Er befahl den Teilnehmern sogar, die Voltanzahl der Elektroschocks immer weiter zu erhöhen, wenn falsche Antworten kamen. Diese Elektroschocks hätten äußerst gefährlich für die Gesundheit sein können.

Wie haben sich die Teilnehmer verhalten? Haben sie die Intensität der Elektroschocks brav erhöht oder haben sie sich geweigert dies zu tun?


Das Milgram-Experiment im Detail

Zu Beginn forschte Stanley Milgram zum Gehorsam gegenüber Autoritäten nur in Yale und mit männlichen Versuchsteilnehmern. Später dehnte er diese Forschung aus und suchte nach Teilnehmern unterschiedlichen Geschlechts, Alters und sozialem Status. Doch die Ergebnisse waren immer dieselben…

Die freiwilligen Teilnehmer an seinem Experiment dachten, sie würden an einer Studie zum Thema Gedächtnis und Lernen teilnehmen. Ihnen wurde vorgegaukelt, dass der Zweck der Untersuchung darin bestand, herauszufinden, wie sich Bestrafung auf unser Gedächtnis auswirkt. In Wahrheit wollte Stanley Milgram natürlich untersuchen, ob wir Menschen Autoritäten blind gehorchen oder nicht.

Es lief jedes Mal folgendermaßen ab: Ein Versuchsleiter in weißem Kittel (dieser diente dazu, um Autorität zu vermitteln) begrüßte zwei Teilnehmer. Einer dieser Teilnehmer war allerdings ein Mitarbeiter des Labors – was der andere Teilnehmer natürlich nicht wusste.

Durch eine fingierte Auslosung wurde sichergestellt, dass der Mitarbeiter jedes Mal der arme Tropf war, der sich auf den „elektrischen Stuhl“ begeben musste. Der ahnungslose Teilnehmer spielte den Lehrer hinter einer Glaswand, der jedes Mal einen Elektroschock zu geben hatte, wenn sein „Schüler“ eine falsche Antwort gab.

Der „Schüler“ erwähnte bei jedem Teilnehmer, dass er eigentlich unter Herzproblemen leide und somit keine Elektroschocks verabreicht bekommen sollte.

Doch der Versuchsleiter im weißen Kittel gab die unmissverständliche Anweisung, dass ein Elektroschock verabreicht werden müsse – egal ob der Schüler nun dagegen protestiert oder nicht. Dies gehöre schließlich zum Experiment.

Konkret hatte der Schüler die Aufgabe, bestimmte Wortpaare zu lernen und jeweils das zweite Wort zu nennen, sobald das erste genannt wurde. Natürlich unterliefen dem eingeweihten Schüler schon bald Fehler. Denn nur so konnte das Verhalten des Versuchsteilnehmers gemessen werden.

Denn was der Teilnehmer nicht wusste: Er konnte in Wahrheit gar keinen Elektroschock vergeben. Der Schüler hatte nämlich die Aufgabe, bei jedem Elektroschock zu schauspielern.

Bei einer anfänglichen Verabreichung von 45 Volt reagierte er nur leicht. Bei 75 Volt fing er bereits an zu stöhnen und bei 150 Volt verlangte er vehement, dass man aufhören solle ihn damit zu quälen. Bei 180 Volt hatte er die Aufgabe, lauthals zu schreien und nochmals auf seine Herzschwäche hinzuweisen. Bei über 300 Volt herrschte nur noch Stille im Raum.

Trotzdem sollte der Versuchsteilnehmer den Elektroschock bis auf 450 Volt erhöhen. Würde er zögern, dann hatte der Versuchsleiter die Aufgabe, diesen dazu zu animieren, indem er ihm befahl, fortzufahren mit dem Experiment.

Was meinst du: Wie weit sind die Versuchsteilnehmer gegangen? Wie viele haben schon frühzeitig abgebrochen? Wie würdest du handeln?


Das Ergebnis des Milgram-Experiments

Stanley Milgram fragte im Vorfeld des Experiments einige Experten nach ihrer Einschätzung. Diese schätzten mehrheitlich, dass  die meisten nicht über 150 Volt hinausgehen würden bzw. sogar schon viel früher abbrachen. Sie schätzten außerdem, dass nur einige wenige über 300 Volt hinausgehen und weit unter ein Prozent der Teilnehmer den maximalen Elektroschock von 450 Volt verabreichen werden.

Die Experten hatten sich schwer getäuscht. Die Mehrheit der Teilnehmer gehorchte der Autorität nämlich vollständig.

Die Mehrheit der Teilnehmer (65 Prozent !!!) verabreichte also einen Elektroschock von 450 Volt, obwohl ihr Gegenüber keinerlei Laute mehr von sich gab und völlig regungslos im Sessel baumelte!

Im Rahmen des ersten Durchlaufs der Studie im Jahre 1961 brach niemand der 40 Teilnehmer das Experiment unter 300 Volt ab!

Zwar zeigten die meisten Teilnehmer ganz klar Bedenken und teilten dies auch dem Versuchsleiter mit, doch als dieser auf die Durchführung des Schocks bestand, drückten fast alle brav den Hebel.


Mein Fazit zum Milgram-Experiment

Ich finde die Ergebnisse des Milgram-Experiments mit einem Wort: schockierend.

Doch ich denke, dass wir daraus etwas lernen können. Zum einen sollten wir unser eigenes Verhalten reflektieren, wenn wir auf eine Autoritätsperson treffen. Wir sollten uns fragen, ob die Ansichten, Entscheidungen und Befehle der Autoritätsperson wirklich gerechtfertigt sind und wie wir handeln würden, wenn wir nicht durch sie beeinflusst wären. Nur so können wir nämlich unsere eigene Handlungsfreiheit bewahren. Denn nur weil jemand auf den ersten Blick Autorität besitzt, heißt dies nicht, dass dies auch der Wahrheit entspricht. Und außerdem: Auch Autoritätspersonen können sich irren und falsch liegen.

Zum anderen können wir auch etwas aus dem Milgram-Experiment lernen, wenn wir selbst eine Autorität auf einem bestimmten Gebiet sind. Dann sollten wir uns nämlich unseres Einflusses, den wir auf andere ausüben, bewusst sein. Und wir sollten vor allem verantwortungsbewusst damit umgehen.

Zudem zeigt mir dieses Experiment, dass man vielleicht erst dann richtig ernst genommen wird, wenn man gemeinhin bzw. von seiner Zielgruppe als Autorität angesehen wird. Wenn ich als Beispiel das Bloggen hernehme, dann ist es wenig verwunderlich, wenn Blog-Anfänger meist nicht richtig ernst genommen werden und man erfolgreichen Bloggern mit hunderttausenden oder gar Millionen von Besuchern alles abnimmt, was sie so von sich geben – und wenn es noch so daneben ist. Wie man es schafft, als Autorität wahrgenommen zu werden, ist aber ein anderes Kapitel…


Literaturquellen

Psychologie

Buch: Psychologie, 18. Auflage (2008)
Zitierte Seiten: 696 bis 699
Autoren: Richard J. Gerrig & Philip G. Zimbardo
Verlag: Addison-Wesley-Verlag

Webseite: http://www.milgram-experiment.com/


P.S.

Dieser Beitrag ist Teil der Artikelserie „Faszination Psychologie“ mit wichtigen Erkenntnissen aus früherer und auch aktueller psychologischer Forschung.


Über den Autor

Mein Name ist Martin Grünstäudl und ich blogge hier mit großer Begeisterung.

Wie es der Name des Blogs vermuten lässt, geht es um das Thema Erfolg. Vor allem schreibe ich über das Setzen und Erreichen von Zielen und über den Aufbau von mehr Selbstvertrauen. Auch Themen wie erfolgreiches Bloggen und die Erzielung von passivem Einkommen kommen nicht zu kurz.

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Foto: Jörg Sabel / pixelio.de

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7 Kommentare

Eingeordnet unter Psychologische Forschung

7 Antworten zu “Das Milgram-Experiment: Eine schockierende Studie zu unserem Gehorsam gegenüber Autoritäten

  1. ## …alles abnimmt, was sie so von sich geben – und wenn es noch so daneben ist. Wie man es schafft, als Autorität wahrgenommen zu werden, ist aber ein anderes Kapitel… ##

    HaHa, ich nenne es den „Guru-Effekt“, mit diesem Beispiel kann man auch die aktuell gesellschaftliche, desolate Lage der Bevölkerung in der BRD zumindest ansatzweise erklären! Wir „Bundesbürger“ scheinen uns mit der wachsenden Korruption innerhalb der BRD abgefunden oder arrangiert zu haben;-) Dies ist auch das Ergebnis einer allgemeinen Mentalität, die der Politikverdrossenheit, Ignoranz und blindem Gehorsam geschuldet ist. Gerade die öffentlich rechtlichen Medien wie ARD und ZDF fungieren mittlerweile nur noch als Weichspüler-Me4dien für unsere korrupten und selbstgefälligen Volksvertreter und deren „Vertragslobbyisten“. Was uns wieder verdeutlicht, dass die Demokratie und die notwendigen Bedingungen für eine intakte Wirtschafts – und Sozialordnung keine Selbstläufer sind.

    man kann es auch so sehen, die Zunahme an deutschen Seichtgebieten ist das Opium für das Volk, das kommt immer einer Funktionärs-Liga zu Gute, die in exorbitanter Selbstbedienungsmanier unsere Steuer – und Sozialsysteme über gebühr belasten und letztendlich eine Gefahr für eine stabile Ökonomie ist;-)

    weiter möchte ich mich hier nicht äussern, denn ich würde vor Wut platzen!

    • Hallo Jürgen,

      da hättest du statt BRD ruhig auch Österreich (mein Heimatland) anführen können und es wäre wohl gleich zutreffend gewesen. Da sieht es mit Korruption, Verdrossenheit und Ignoranz keinen Deut besser aus. 😦

      Liebe Grüße
      Martin

  2. Es gibt übrigens einen faszinierenden Film, in dem dieses Experiment eine Rolle spielt: I wie Ikarus. http://www.imdb.com/title/tt0079322

  3. Wussten wir das nach 1945 nicht schon alle? Interessant wäre ein Vergleich gewesen, bei dem die Autorität nicht anwesend ist, beispielsweise eine unmissverständliche schriftliche Anweisung vom Dekan. Diese Autorität ist nicht so greifbar vor Ort und zwischen ihm und einem einfachen Studenten stehen noch ein paar Ebenen.

    • Hallo Sebastian,

      diese Studie zeigte vor allem, dass wir einer Autorität gehorchen, auch wenn wir alleine sind – also keine weiteren Personen mehr zugegen sind. In den Jahren vor 1945 kam ja noch hinzu, dass alle taten, was auch jeder andere um sie herum getan hat. Zudem wäre ein Zuwiderhandeln extrem gefährlich für den einzelnen gewesen. Der Druck auf den einzelnen war also vor 1945 noch um vieles größer, was in dieser Laborsituation ja eigentlich nicht der Fall war. Jeder konnte aufhören und gehen – was jedoch niemand tat. Insofern kam es also schon zu neuen Erkenntnissen.

      Ob es eine Studie in die Richtung gab mit schriftlicher Anweisung und so weiß ich nicht. Allerdings gab es eine Folgeuntersuchung, in der der Versuchsperson gleich zwei Autoritätspersonen vorgesetzt wurden. Diese hatten die Aufgabe, widersprüchliche Anweisungen zu geben und sich nicht einig zu sein. Da war dann die Abbruchrate um ein Vielfaches höher. Die Probanden handelten also nach ihrem Gewissen und hörten nicht mehr auf die Anweisungen.

      Liebe Grüße
      Martin

  4. Pingback: Zur Beschneidungsdebatte in Deutschland

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