Das Stanford Prison Experiment: Wie leicht Menschen zu beeinflussen sind

Psychologen gehen davon aus, dass soziale Normen und bestimmte soziale Rollen großen Einfluss auf unser Verhalten ausüben. Philip Zimbardo ging Anfang der 70er Jahre sogar davon aus, dass die soziale Rolle (wie z.B. Wärter vs. Gefangener) Kontrolle über unsere persönliche Identität übernehmen kann. Schlussendlich werden wir laut Zimbardo zu der Rolle, die wir einnehmen.

Um diese Hypothese zu überprüfen, hat Philip Zimbardo im Jahre 1971 das Stanford-Prison-Experiment durchgeführt. Er wollte wissen, wie sehr Studenten ihr Verhalten ändern, wenn sie sich in der Rolle des Wärters beziehungsweise des Gefangenen befinden.

Was meinst du? Kam es zu starken Verhaltensänderungen oder nicht?


Die Erwartungen im Vorfeld des Experiments

Philip Zimbardo und andere Sozialpsychologen gehen davon aus, dass soziale Normen und Rollen unser Verhalten stark beeinflussen:

Beeinflussung durch soziale Normen

Jede Gesellschaft verfügt über bestimmte Normen darüber, wie man sich zu verhalten hat und welches Verhalten akzeptabel beziehungsweise inakzeptabel ist. In einer Bibliothek wird zum Beispiel ein gänzlich anderes Verhalten erwartet als in einem Kaffeehaus oder beim Shoppen im Einkaufszentrum.

Verstoßen wir gegen diese Normen, dann werden wir recht häufig von den anderen schief angeschaut, links liegen gelassen oder sogar ausgegrenzt. Deshalb versucht praktisch jeder, nur ja nicht gegen diese gesellschaftlichen Normen zu verstoßen.

Beeinflussung durch soziale Rollen

Doch unser Verhalten wird nicht nur durch gesellschaftliche Normen beeinflusst. Auch soziale Rollen können Einfluss auf unser Verhalten haben.

Rollen definieren, wie sich bestimmte Personen zu verhalten haben. Wir haben beispielsweise eine genaue Vorstellung davon, wie sich ein Kellner bzw. eine Kellnerin im Kaffeehaus zu verhalten hat. Dasselbe gilt für einen Arzt / eine Ärztin oder auch für einen Polizisten / eine Polizistin.

Philip Zimbardo vermutete sogar, dass der Einfluss der sozialen Rollen, die wir einnehmen, so einflussreich ist, dass wir komplett in diesen Rollen aufgehen – und zwar unabhängig von unserer Persönlichkeit und unseren Einstellungen und persönlichen Wertvorstellungen.

Um diese These zu überprüfen, führte er kurzerhand im Jahre 1971 ein Experiment durch, das später als das Stanford-Prison-Experiment bekannt wurde.


Der Verlauf des Stanford-Prison-Experiments

Für dieses Experiment bauten Philip Zimbardo und seine Mitarbeiter ein Gefängnis im Keller der Stanford University nach. Sie verstärkten Türen, bauten Gitter ein und ließen den Keller der Universität wie ein echtes Gefängnis wirken.

Sodann schalteten sie Zeitungsannonencen, worauf sich Studenten meldeten, die bei diesem Experiment mitmachen wollten. Hierfür erhielten sie auch eine Bezahlung für jeden einzelnen Tag, den sie mitmachten. Welche Rolle die Studenten schließlich einnehmen sollten – also entweder Wärter oder Häftling – entschied ein Münzwurf.

Sowohl Wärter als auch Häftlinge wurden selbstverständlich neu eingekleidet. Schließlich wollte man ja untersuchen, ob sie in ihrer neuen Rolle vollends aufgehen oder nicht. Die Wärter erhielten also Uniformen aus militärgrünen Hemden und Hosen, eine Trillerpfeife, verspiegelte Sonnenbrillen und sogar einen Schlagstock. Die Häftlinge hingegen bekamen nur einen Kittel mit aufgedruckter Identifikationsnummer, Gummischlapfen und eine Kette mit Schloss um einen Knöchel.

Um das Ganze noch realistischer zu machen, wurden die Gefangenen sogar von echten Polizisten verhaftet und wegen Raubes festgenommen. Erst nach einigen Stunden auf dem Polizeirevier wurden sie in das Gefängnis an der Stanford University überstellt und von den Wärtern in Empfang genommen.

Da es in den Zellen selbst keine Toiletten gab, mussten die Häftlinge jedesmal einen Wärter fragen, wenn sie auf die Toilette mussten. Damit der Häftling den Ausgang nicht sehen konnte, wurde er mit verbundenen Augen zur Toilette geleitet.

Erschreckenderweise nahmen sowohl Wärter als auch Gefangene ihre Rolle sehr schnell an – und zwar in einem Ausmaß, mit denen Zimbardo und seine Mitarbeiter nicht gerechnet hätten. Die Wissenschaftler mussten das Stanford-Prison-Experiment sogar nach bereits 6 Tagen wieder abbrechen (geplant waren zwei volle Wochen), da die Situation eskalierte.

Ein Großteil der Wärter nutzte nämlich ihre Macht aus und fing schon bald an, die Häftlinge zu schikanieren. Als bereits am zweiten Tag ein Aufstand der Gefangenen ausbrach, wurde dieser von den Wärtern mit Feuerlöschern aufgelöst. Als Strafe wurde allen Gefangenen die Kleidung entzogen. Zudem wurde ihnen vermehrt der Gang auf die Toilette verwehrt, Essen verweigert und es kam zu verbalen Beschimpfungen und Demütigungen.

Speziell bei Nacht, wenn die Wärter vermuteten, dass die Kameras nicht in Betrieb waren, legten einige von ihnen sadistische Verhaltensweisen an den Tag. Teilweise mussten sogar die Wissenschaftler selbst eingreifen, um Misshandlungen zu verhindern.

Die Häftlinge hingegen wurden immer passiver und ängstlicher, obwohl alle wussten, dass dies hier nur ein Experiment und nicht die Realität war. Dennoch waren die Rollen offenbar so unwiderstehlich und einflussreich, dass sich praktisch jeder in diese Rollen hineinversetzte.


Fazit zum Stanford-Prison-Experiment

Das Stanford-Prison-Experiment zeigte, dass soziale Rollen einen enormen Einfluss auf unser Verhalten haben können. Wir sollten deshalb von Zeit zu Zeit unser eigenes Verhalten reflektieren und überlegen, ob wir im Moment tatsächlich so handeln, weil es unseren Werthaltungen entspricht. Oder handeln wir nur so, weil die Rolle, die wir gerade einnehmen, ein solches Verhalten erwarten lässt?

Anmerkung: Auch wenn das Stanford-Prison-Experiment ein schönes Beispiel für den Einfluss sozialer Rollen ist, so muss man dennoch erwähnen, dass das Experiment auch kritisiert wurde. Unter anderem wurde kritisiert, dass Philip Zimbardo seine „Wärter“ zu Beginn des Experiments dazu anstachelte, die Gefangenen im Zaum zu halten und zu unterdrücken. Hätte er hingegen nicht auf diese Weise interveniert, dann wäre es womöglich nicht zu einer solchen Eskalation gekommen. Aufgrund dieser angeblichen Intervention Zimbardos lassen sich aber schöne Parallelen zum Milgram-Experiment ziehen.


Literaturquellen:

Buch: Sozialpsychologie, 6. Aufl. (2008)
Zitierte Seiten: S. 276f
Autoren: Elliot Aronson; Timothy Wilson; Robin Akert
Verlag: Addison-Wesley

Internet: Wikipedia


P.S.

Dies ist ein Beitrag im Rahmen der Artikelserie „Faszination Psychologie„. Im Rahmen dieser Serie stelle ich jede Woche neue Experimente und Studien der psychologischen Forschung vor.


Über den Autor

Hallo! Ich heiße Martin Grünstäudl, ich bin aus Österreich und ein leidenschaftlicher Blogger.

Letzteres mag dir vielleicht komisch anmuten, da ich hier nur mehr selten etwas veröffentliche. Doch es ist nicht mein einziger Blog: Mein Hauptblog ist unter der Adresse http://kampfkunstblog.com  zu finden. Dort blogge ich über Themen wie Selbstverteidigung und Kampfkunst.

Außerdem findest du mich auf Google+, Facebook und Youtube.

Advertisements

6 Kommentare

Eingeordnet unter Psychologische Forschung

6 Antworten zu “Das Stanford Prison Experiment: Wie leicht Menschen zu beeinflussen sind

  1. Hallo Martin,

    Danke für deinen, wie immer sehr guten, Artikel.

    Ich war von der Verfilmung des Experimentes („Das Experiment“) schon schwer beeindruckt. Obwohl ein wenig überzeichnet, war die Kernaussage treffend.

    Eigentlich erschreckend, wie sich Menschen verändern, wenn sie wer anderer sein müssen. Kann man leider auch im Alltag oft beobachten.

    Liebe Grüße
    Roland

  2. Lieber Martin, Sie haben mich sehr beeindruckt. Ihre vielfältige Wortwahl ist ein Kunstwerk meiner Gefühle. Jedoch hab ich ein Kritikpunkt: Wie können Sie behaupten, dass das Experiment teilweise sadistisch war? Ich halte es für sehr lehrreich und für ein natürliches menschliches Verhalten, sich wie ein Raubtier zu benehmen. Biologisch betrachtet ist der Mensch ein Tier. Vielen Dank für Ihre Antwort! LG Gudrun

  3. Hallo Gudrun,

    das Stanford Prison Experiment war in der Tat sehr lehrreich. Doch ethisch korrekt war es keineswegs. Zum einen fehlte eine wirklich informierte Zustimmung der Teilnehmer. Vor allem die Gefangenen in diesem Experiment wussten nicht genau was sie erwartet. Zudem gab es kein klar definiertes Abbruchkriterium und es war nicht von einer anhaltenden Schädigungsfreiheit der Teilnehmer (vor allem der Gefangenen) auszugehen (allerdings zeigten sich in einer Nachuntersuchung zum Glück keine Folgen auf die Psyche). Aus diesen Gründen finde ich das Experiment ethisch sehr fragwürdig.

    Liebe Grüße
    Martin

  4. Ich hätte da noch zwei Fragen..
    Wieso wurden genau Studenten für das Experiment ausgewählt?
    &
    Wieso ist es den Wärtern nicht aufgefallen das sie in einem Keller sind? Ich meine sie wurden doch nicht mit einer Augenbinde hingeführt oder? Und wenn sie die Gefangenen zur Toilette begleiten können sie auch die Augen nicht verbunden haben können.

    Ps: Sehr schön verfasste Erklärung des Experimentes! Lg

    • Hallo Iris,

      ich denke mal Studenten wurden deshalb für das Experiment gewählt, weil sie einfacher für ein Experiment zu überreden sind als die meisten anderen Zielgruppen.

      Zur zweiten Frage: Nur die Gefangenen wussten nicht, dass sie in einem Keller sind, die Wärter wussten es. Trotzdem nahmen sie ihre Rolle schnell an.

      Liebe Grüße
      Martin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s