Haben wir wirklich eine eigene Meinung?

Experiment Solomon AschAnfang der 50er Jahre traf sich eine Gruppe von Studierenden um an einer Studie des Sozialpsychologen Solomon Asch teilzunehmen. Ihnen wurde gesagt, dass sie an einer Studie zur visuellen Wahrnehmung teilnehmen würden.

Sie betraten einzeln einen Raum, in dem bereits einige Personen an einem Konferenztisch saßen. Was die Studierenden nicht wussten: Diese Personen waren eingeweihte Mitarbeiter von Asch, die den wahren Sinn des Experiments bereits kannten und genaue Instruktionen hatten, wie sie sich zu verhalten haben.

Nachdem sich die Studierenden ebenfalls an den Tisch gesetzt hatten, wurden ihnen Karten gezeigt, auf welchen drei Linien unterschiedlicher Länge zu sehen waren (siehe Bild). Sie sollten nun angeben, welche dieser drei Linien gleich lang ist wie die einzelne Linie. Eigentlich sollte dies kein großes Problem darstellen, da es recht eindeutig ist, welche der drei Linien gleich lang ist – sollte man zumindest meinen.

Doch die Studienteilnehmer wurden von den bereits eingeweihten Personen stark beeinflusst. Diese gaben nämlich jeweils einstimmig an, dass eine andere Linie sich mit der Standardlinie deckt. Und siehe da: In der Kontrollgruppe, wo keine eingeweihten Versuchspersonen saßen, gaben über 99 Prozent die richtige Antwort. In der Versuchsbedingung, wo die Mehrheit eine falsche Meinung vertrat, ging jedoch im Schnitt 37 Prozent der Nichteingeweihten konform mit der Mehrheitsmeinung! Ein Drittel der Teilnehmer schloss sich während mehrerer Durchgänge (mit unterschiedlichen, jedoch ebenfalls eindeutigen Bildern) immer oder fast immer dem falschen Urteil der Mehrheit an.

Irgendwie erschreckend, nicht wahr? (Allerdings sollte ich erwähnen, dass etwa ein Viertel der Teilnehmer nie mit der Mehrheitsmeinung konform ging. Na immerhin 🙂 )


Warum tun wir, was wir tun?

Es gab noch ein zweites Experiment zur Konformität, das mich ebenfalls an der Rationalität von uns Menschen zweifeln lässt ..

Das Experiment stammt von Muzafer Sherif aus dem Jahre 1935. Dabei befanden sich die Teilnehmer in einem abgedunkelten Raum, wo auf einer Wand ein Licht projiziert wurde, das sich während des Experiments keinen Millimeter bewegte. Doch die Versuchspersonen wussten natürlich nicht, dass sich der Lichtpunkt kein bisschen bewegte. Im Gegenteil: Die Teilnehmer wurden sogar vom Versuchsleiter angewiesen, abzuschätzen, inwieweit sich dieser Lichtpunkt bewegte.

Die Schätzungen der Teilnehmer unterschieden sich dabei stark als man sie einzeln hierzu befragte. Doch als man dieselbe Frage einer Gruppe von Probanden stellte, etablierte sich bald ein Gruppenkonsens – obwohl die Meinungen ursprünglich sehr stark auseinandergingen.

Doch das war noch nicht das Erschreckende dabei: Die Teilnehmer fingen wirklich an zu sehen, dass sich das Licht in diese und nicht in die andere Richtung bewegte – und sie schienen wirklich selbst daran zu glauben. Als sie nämlich wieder allein in dem dunklen Raum saßen und später ihre Meinung über die Bewegung des Lichtpunkts abgeben sollten, folgten sie weiterhin dem Gruppenkonsens. Und dieser Gruppenkonsens blieb auch noch bestehen, als die Probanden ein Jahr später erneut getestet wurden. Auch dann sahen sie genau das, was in der Gruppe entschieden wurde – und das, obwohl keine der ehemaligen Gruppenmitglieder anwesend waren.

Und es ging sogar noch weiter: Sherif begann in seinen Experimenten regelmäßig ein Gruppenmitglied durch ein neues Mitglied zu ersetzen, welches die anderen Teilnehmer noch nicht kannte und zuvor auch nichts von der Gruppennorm wusste. Dies wurde so weit getrieben, dass nach einiger Zeit alle Gruppenmitglieder ausgetauscht wurden und ein völlig neues Team am Tisch saß. Doch der ursprüngliche Gruppenkonsens blieb immer noch unverändert bestehen! Die Gruppennorm wurde sozusagen von einer Generation an die nächste weitergegeben – ohne dass es jemandem aufgefallen wäre.


Neulich im Aufzug ..

Das letzte Beispiel, das mich stark daran zweifeln lässt, dass wir eine eigene Meinung haben und autonome Entscheidungen treffen, soll eine Episode aus der Fernsehserie Candid Camera (Versteckte Kamera) von Allen Funt liefern. UNBEDINGT ANSEHEN 😉


Was meinst du?

Haben wir wirklich eine eigene Meinung oder gehen wir bloß mit der Mehrheitsmeinung konform? Treffen wir wirklich eigene Entscheidungen oder machen wir ständig das, was die Gesellschaft von uns erwartet?

Wenn man diese Experimente näher betrachtet, dann könnte man meinen, dass wir in Wahrheit nur selten eigenständige Entscheidungen treffen . Doch ich bin gleichzeitig auch der Meinung, dass wir dies ändern können, und zwar indem wir uns darüber bewusst werden. Dann haben wir eine Chance, anders handeln zu können und wirklich bewusst eine Entscheidung zu treffen.

Reflektiere doch für einen Moment dein Leben: Wann bist du mit der Mehrheitsmeinung konform gegangen, nur um unangenehme Gefühle und die Schmähung anderer zu vermeiden? Soll das auch in Zukunft so sein?

Dies ist ein Beitrag zur Serie: „Faszination Psychologie


Über den Autor

Hallo! Ich heiße Martin Grünstäudl, ich bin aus Österreich und ein leidenschaftlicher Blogger.

Letzteres mag dir vielleicht komisch anmuten, da ich hier nur mehr selten etwas veröffentliche. Doch es ist nicht mein einziger Blog: Mein Hauptblog ist unter der Adresse http://kampfkunstblog.com  zu finden. Dort blogge ich über Themen wie Selbstverteidigung und Kampfkunst.

Außerdem findest du mich auf Google+, Facebook und Youtube.


Quellen

Wikipedia:
Konformitätsexperiment von Asch

Gruppenzwang

Buch:
Psychologie von Gerrig/Zimbardo (2008)

Advertisements

5 Kommentare

Eingeordnet unter Psychologische Forschung, Weitere Themen

5 Antworten zu “Haben wir wirklich eine eigene Meinung?

  1. Hallo Martin,
    schön, wieder einen Artikel von Dir zu lesen. Ich denke schon, dass jeder eine eigene Meinung hat, aber nicht jeder äußert sie aus Angst vor den Reaktionen der anderen. Es ist einfacher, sich anzupassen, und unbequem, eine andere Meinung zu vertreten. Interessant ist, wenn einer eine andere Meinung äußert, trauen sich andere plötzlich auch, sich dieser Meinung anzuschließen.
    Viele Grüße
    Claudia

    • Hallo Claudia,

      ja das stimmt natürlich. In einem weiteren Versuchsaufbau von Solomon Asch wurde eine Person an den Konferenztisch gesetzt, die ebenfalls eine korrekte Antwort gab und sich von den anderen abhob. Dadurch trauten sich ebenfalls wieder fast alle Studierende die richtige Antwort zu geben. Aber ich finde es trotzdem bedenklich, dass sich so viele der Meinung anderer beugen, obwohl sie genau wissen oder zumindest glauben zu wissen, dass die anderen falsch liegen. Noch bedenklicher fand ich aber das zweite Experiment von Muzafer Sherif und das die Normen ungeprüft aufrecht erhalten wurden, obwohl alle ursprünglichen Gruppenmitglieder bereits ausgetauscht wurden.

      Liebe Grüße
      Martin

  2. sarahdismoitout

    Tja, so ist es. Seine eigene Meinung kann man ja haben, aber sie zu äußern, dazu gehört Mut, denn damit macht man sich nicht immer beliebt…

    Beste Grüße.

    Sarah

  3. Hat dies auf DUNKELROT Blog rebloggt und kommentierte:
    hoch interessant.

  4. Pingback: Cold Water Challenge - ein Nachruf in der Krähenpost › crazy crow

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s