Du glaubst, du hast die Freiheit alles zu tun was du willst? Na wenn du dich da mal nicht täuschst …

Gefangen im Ich?Andrea Hiltbrunner veranstaltet in ihrem Blog gerade eine Blogparade zum Thema Freiheit. Im Detail möchte sie wissen, was Freiheit für uns selbst bedeutet.

Doch da stellt sich mir als erstes die Frage, ob wir wirklich frei sind? Denn wenn ich mich so umschaue, dann entdecke ich nur recht wenige Menschen, die man als wahrhaft frei bezeichnen könnte und die das tun, was ihnen liegt und die ihr eigenes Leben leben und eben nicht das Leben von anderen.

Besonders klar wurde mir das seit vergangenem Oktober. Ich habe nämlich wieder zu studieren begonnen. Und zwar ein Fach, das mich mehr als alles andere in den Bann zieht: Psychologie.

Kurz gesagt gibt es in der Psychologie viele Theorien, Modelle und zudem jede Menge experimenteller Forschung, die mich allesamt an unserer Freiheit zweifeln lassen.


Hier nur ein paar Beispiele:

In der Entwicklungspsychologie gibt es von Robert Havighurst das Modell der Entwicklungsaufgaben. Besagter Psychologe ging davon aus, dass wir Menschen uns im Verlauf unseres Lebens immer wieder bestimmten Aufgaben und Problemen gegenübersehen, die es zu bewältigen gilt. Je nach Alter sind das ganz unterschiedliche Aufgaben wie lesen, schreiben und rechnen lernen oder lernen, mit Altersgenossen zurechtzukommen. Auch definierte Havighurst unter anderem folgende Entwicklungsaufgaben: Gründung einer Familie, ein Heim herstellen, einen Beruf ausüben und öffentliche Verantwortung erlernen.

Letztere Beispiele zeigen, dass Entwicklungsaufgaben wohl nicht nur aus biologischen Veränderungen und aus eigenen Zielen und Werten resultieren. Gesellschaftliche Erwartungen spielen wohl auch eine große Rolle. Havighurst betonte, dass die Lösung solcher Entwicklungsaufgaben zu persönlichem Wohlbefinden und gesellschaftlicher Akzeptanz führe. Und die gesellschaftliche Akzeptanz habe wiederum nicht unerheblichen Einfluss auf das persönliche Wohlbefinden.

So weit so gut. Du könntest natürlich jetzt einwenden, dass dies alles nicht mehr zeitgemäß ist, da Havighurst sein Modell der Entwicklungsaufgaben bereits im Jahr 1948 vorstellte. Aber gut, sehen wir uns weitere Beispiele an …

Wenn wir schon von Unfreiheit reden und dazu auch noch nach Beispielen aus dem Bereich der Psychologie suchen, dann kommt man wohl an der Sozialpsychologie nicht vorbei. Ein paar Beispiele kannst du hier im Blog ja bereits nachlesen, die allesamt zeigen, dass wir häufig wie ferngesteuert durchs Leben gehen:

Experimente von Solomon Asch: Haben wir wirklich eine eigene Meinung?

(Dabei wurden den Versuchspersonen Karten gezeigt auf welchen drei Linien unterschiedlicher Länge zu sehen waren. Sie sollten nun sagen, ob sich die Linien längenmäßig unterschieden – und dieser Unterschied war eindeutig. Doch als andere – in das Experiment eingeweihte – Personen einstimmig sagten, dass sie sich nicht unterscheiden würden, revidierten auch die Studienteilnehmer ihre Meinung.)

Das Milgram-Experiment: Eine schockierende Studie zu unserem Gehorsam gegenüber Autoritäten

(Dabei dachten die Versuchsteilnehmer, sie würden an einem Gedächtnisexperiment teilnehmen. In Wahrheit wollte man jedoch die Gehorsamkeitsbereitschaft messen, indem man die Teilnehmer glauben ließ, dass sie einen echten Elektroschock bei jeder falschen Antwort verabreichen würden. Viele der Teilnehmer waren bereit bis zum Äußersten zu gehen. Obwohl es allesamt normale Bürger wie du und ich waren, waren viele bereit, sogar lebensgefährliche Elektroschocks nach vorheriger Anweisung einer Autoritätsperson zu verabreichen.)

Philip Zimbardo und das Stanford Prison Experiment

(Dabei wurde das soziale Rollenverhalten von Studenten untersucht, indem man sie per Zufall zu einem Gefängniswärter oder zu einem Gefangenen machte. Schon nach kurzer Zeit gingen die Versuchsteilnehmer komplett in ihrer Rolle auf obwohl alles nur gespielt war.)

Diese Beispiele sind echte Klassiker und schon seit vielen Jahren bekannt. Doch aus dem Bereich der Kognitionspsychologie habe ich noch ein recht aktuelles Beispiel aus dem Jahr 2010 für dich, das du wohl selbst aus der Originalquelle nachlesen musst, um es mir zu glauben:

Zwei Forscher von der Universität Toronto haben im Zusammenhang mit Biolebensmitteln und umweltfreundlichen Produkten zwei interessante Dinge herausgefunden:

Ergebnis 1: Menschen handeln altruistischer, wenn sie umweltfreundlichen Produkten und dergleichen ausgesetzt werden.

Ergebnis 2: Menschen handeln weniger altruistisch und sind anfälliger für`s Betrügen und Stehlen, nachdem sie Bio- und Umweltprodukte gekauft haben.

Das ist ja mal eine interessante Tatsache oder? Erklärt wird letzteres Phänomen durch den sogenannten Licensing effect. Dieser Effekt basiert sozusagen auf einem inneren Moralkonto. Wenn wir zuvor etwas Gutes getan haben, dann haben wir später eine gute Ausrede dafür etwas Schlechtes tun zu dürfen. Das Gute wiegt das Schlechte auf und wir fühlen uns dadurch nicht schuldig, wenn wir wirklich einmal etwas Unrechtes getan haben.

Wenn dich meine bisherigen Ausführungen noch immer nicht so recht davon überzeugt haben, dass wir in Wahrheit gar nicht so frei sind wie gedacht, dann lass mich noch ein Beispiel aus der Evolutionspsychologie nennen.

Und was bietet sich dabei besser an als das Mating (oder auf Deutsch: Partnerwahl)? Denn auch da sind wir laut vieler Forschungsergebnisse bei weitem nicht so frei wie gedacht. Und wichtig ist das Thema aus evolutionärer Sicht wie fast kein anderes. Denn: Paarung stellt ja die Grundvoraussetzung für die Weitergabe der eigenen Gene dar.

Zum Beispiel sind Forscher wie der berühmte Evolutionspsychologe David Buss auf folgende Dinge draufgekommen:

Frauen achten mehr auf Status beim Mann als dies Männer bei Frauen tun. Erklärt wird dies von Evolutionspsychologen durch den Umstand, dass es ein Investitionsgefälle zwischen Frauen und Männern gibt. Frauen müssen biologisch gesehen mehr Ressourcen für ihre Nachkommen aufwenden. Kein Wunder also, dass ihnen evolutionär bedingt mehr am Status und damit an möglicher Ressourcenzurverfügungstellung vonseiten des Mannes gelegen ist.

Da Männer theoretisch unbegrenzt Nachwuchs „produzieren“ könnten, geht man davon aus, dass ihnen mehr an Fruchtbarkeit und an physischer Attraktivität gelegen ist (letzteres als Indikator für Stabilität in der Entwicklung und Qualität der Gene). Und auch dies trifft voll zu. Forschungen zeigten, dass Männer ganz klar ein gewisses Taillen-Hüft-Verhältnis bei Frauen bevorzugen, welches sie in ihren Augen fruchtbarer erscheinen lässt. Bevorzugt wird ein Index von 0,7, der sich ergibt, wenn man die Taillenmaße mit den Hüftmaßen dividiert.

Und interessant ist in diesem Zusammenhang noch eine weitere Studie aus dem Jahr 1998. Dabei untersuchte man, ob Frauen eher maskuline oder feminine Männer als attraktiv beurteilen. Es zeigte sich allerdings, dass es je nach hormonellen Umständen zu unterschiedlichen Präferenzen kommt:

Bei niedrigem Schwangerschaftsrisiko wurden für kurze Beziehungen eher Männer mit femininen Gesichtszügen präferiert – bei hohem Schwangerschaftsrisiko wurden jedoch eher Männer mit maskulinen Zügen favorisiert, da dies offenbar ein guter Indikator für die Möglichkeit einer Schwangerschaft ist.

Du siehst also: Unsere Freiheit ist enorm eingeschränkt. Freiheit hängt von unserer Entwicklung ab, von persönlichen Erfahrungen, gesellschaftlichen und situativen Einflüssen sowie von biologischen und evolutionären Faktoren.


Doch gibt es wirklich keine Freiheit?

Vielleicht glaubst du jetzt, dass ich alles nur negativ sehe. Doch dem ist nicht so.

Jede psychologische Forschung (wie auch generell jede Forschung in den Human- und Sozialwissenschaften) hat nämlich eines gemeinsam:

Ausnahmen von der Regel beweisen nicht die Falschheit eben dieser Regel.

Alle Aussagen in der Psychologie sind Wahrscheinlichkeitsaussagen. All diese zuvor genannten Studien sagen somit nur eines aus: Der Großteil der untersuchten Versuchspersonen zeigte dieses Verhalten. Es gibt aber bei so gut wie jeder Studie (zumindest bei jenen mit ausreichend großer Stichprobe) Ausnahmen.

Und ich denke fast jeder von uns kennt Personen, von denen wir behaupten können, dass sie wahrhaft frei sind – oder zumindest freier als der Rest von uns.

Doch was Freiheit meiner Meinung nach ausmacht – und vor allem wie ich glaube, dass man persönliche Freiheit in gewissem Maße erreichen kann – das möchte ich in einem weiteren Artikel heute in einer Woche erläutern …

Aber ich finde es schon mal wichtig zu wissen, durch was wir alles beeinflussbar sind. Nur wer sich dessen bewusst ist, hat meiner Meinung nach überhaupt erst eine Chance eine gewisse Freiheit zu erlangen 😉


Über den Autor

Hallo! Ich heiße Martin Grünstäudl, ich bin aus Österreich und ein leidenschaftlicher Blogger.

Letzteres mag dir vielleicht komisch anmuten, da ich hier nur mehr selten etwas veröffentliche. Doch es ist nicht mein einziger Blog: Mein Hauptblog ist unter der Adresse http://kampfkunstblog.com  zu finden. Dort blogge ich über Themen wie Selbstverteidigung und Kampfkunst.

Außerdem findest du mich auf Google+, Facebook und Youtube.

Foto: Gerd Altmann / pixelio.de

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11 Kommentare

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11 Antworten zu “Du glaubst, du hast die Freiheit alles zu tun was du willst? Na wenn du dich da mal nicht täuschst …

  1. Hallo Martin,
    schön, dass Du wieder bloggst. Hier hast Du ja verraten, warum man eine Zeit lang nicht viel von Dir gehört und gelesen hat. Interessanter Beitrag zum Thema Freiheit mit sehr vielen psychologischen Aspekten.
    Wünsche Dir viel Erfolg bei Deinen Plänen und die Freiheit, alles so zu tun wie Du es möchtest.
    Viele Grüße
    Claudia

  2. Hallo Martin,

    interessante Ansätze zum Thema Freiheit. Ich denke mit der Freiheit ist es ähnlich wie mit dem Erfolg. Die Sichtweisen sind so vielfältig wie das Leben selbst und jeder versteht etwas anderes darunter.

    Ich habe übrigens mal vor Jahren einen Bericht im Radio gehört, dort wurde untersucht, ob sich Menschen freiwillig chippen lassen würden. Ich persönlich würde es für kein Geld der Welt tun.
    Erstaunlicher Weise gab es Leute, die sich für ganze 2000 Euro chippen lassen würden. Da ich gerade mit dem Auto unterwegs war, konnte ich nicht vom Stuhl fallen – sonst hätte mich diese Tatsache wahrscheinlich vom Hocker gehauen.
    Mich hat diese Erkenntnis echt erschüttert. Was manche Leute für Geld alles machen würden – unglaublich! Da es um eine „freiwillige“ Aktion ging, ist dies ja in gewisser Weise auch eine Art der Freiheit sich zu entscheiden.

    Super Artikel – sehr interessante Einblicke – danke dafür!

    Herzliche Grüße
    Anja Maschlanka

  3. sarahdismoitout

    Hallo Martin,

    deinen Artikel über die (nicht vorhandene) Freiheit finde ich gut recherchiert und auch gut geschrieben. Jedoch fehlt mir so ein Bisschen die Differenzierung. Ich stimme mit dir und der Wissenschaft total darüber ein, dass unser Denken und damit auch wir im Hinblick auf Freiheit sehr eingeschränkt sind. Jedoch finde ich, dass wir in unserer Zeit von sehr vielen Freiheiten profitieren, die es noch vor einigen Jahren / Jahrzehnten nicht gegeben hat, insbesondere als Frau denke ich das. Man neuem das Recht zu Studieren, sein eigenes Geld zu verdienen…. Oder denken wir doch mal an die Zeit zurück, in der wir keine freie Meinung äußern durften…Das mögen sehr plakatives Beispiele sein. Doch diese Art von Freiheit gibt es ja auch.

    Ansonsten finde ich deinen Artikel sehr mutig

    Allerbeste Grüße

    Sarah

    • Hallo Sarah,

      ja natürlich gibt es diese Art von Freiheit. Ich wollte aber bewusst machen, dass wir selbst in unseren Entscheidungen häufig sehr eingeschränkt sind. Ich finde, dass einem das erstmal bewusst sein muss um wirklich frei sein zu können. Denn erst wenn du etwas als Problem wahrnimmst, kannst du es auch ändern 🙂

      Liebe Grüße
      Martin

  4. Ein sehr schön recherchierter Beitrag zum Thema Freiheit!

    Freiheit ist freilich etwas höchst Subjektives, ungeachtet der beschriebenen Theorien und psychologischen Experimente. Alle diese Theorien haben sicherlich ihre Daseinsberechtigung. Es ist eben die Frage, welche „Brille“ der Einzelne auf hat. Es ist ähnlich, wie mit den diversen Motivationstheorien.

    Allen gemeinsam – und das ist doch das Positive – ist: sie regen uns zum Nachdenken und zur Reflektion des eigenen Verhaltens an.

    Besten Dank für diesen Artikel.

  5. Ja, das stimmt schon, dass es Unfreiheiten gibt.
    ABER, wir können uns ja aus diesen Unfreiheiten befreien
    (wenn wir wirklich wollen)

    lg

    • Noyes

      Freiheit ist sicher auch eine Frage des Bewusstseins über unsere Abhängigkeiten. Richtlinien sollten Schutz und Verpflichtungen gleichermaßen sein. Wer sie nicht kennt und/oder wer sich tierisch von seinem Ego, seinem Verlangen leiten lässt, fühlt sich wohl freier… bis er Gefahr läuft die Regeln zu brechen.. was dann strafrechtlich verfolgt werden könnte. Vieles im Leben ist Einstellungssache… es bleibet dabei, die Gedanken sind frei 🙂

  6. Ich mag die vielen Beispiele. Ich hätte jedoch gedacht, dass du eher auf die impliziten Abhängigkeiten innerhalb einer Gesellschaft anspielst. So kann man sich zwar maximal frei fühlen, weil man sich jeden Tag seinen Kaffee an der Ecke leisten kann, aber wenn es niemanden gibt, der den Kaffee bereit stellt oder das Haus in dem man wohnt, wird es hier mit Freiheit und Unabhängigkeit auch wieder schwierig.

    Toller Artikel, Martin!

  7. Hallo Martin,

    ein sehr interessanter und umfangreicher Beitrag, besonders gefällt mir das Experiment mit den verschiedenen Strichlängen. Dale carnegie hat damals schon gesagt, dass man jeden überzeugen kann, wenn man nur selbst überzeugt ist/scheint. Es ist wohl wirklich ein Paradoxon, dass Freiheit ohne Grenzen nicht möglich ist. Wir können nicht frei sein, wenn keine Beschränkungen existieren würden, die uns das Zusammenleben ermöglichen. Selbst Robinson Crusoe war damals nicht frei. Er konnte zwar machen was er wollte aber nicht hingehen wohin er wollte. Vermutlich ist es das einfachste, wenn wir alle mit dem Grad an Freiheit zufrieden sind, der uns glücklich macht und diesen langsam versuchen auszuweiten, also unseren Einflussbereich vergrößern 😉
    Danke nochmal für den tollen Beitrag

    VG Gustav

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